Presse
29.03.2015, 11:22 Uhr
Wittenberge und seine Erfolgsgeschichten
29.03.2015 | Bericht der Berliner Zeitung
Wittenberge hat nach 1990 schwer gelitten. Doch zwischen den Gründerzeitruinen gibt es erstaunliche Erfolgsgeschichten. Von  

Was braucht eine Stadt, die in 25 Jahren fast die Hälfte ihrer Einwohner verloren hat? Von deren einst wichtigstem Arbeitgeber nur noch riesige leere Hallen geblieben sind? Deren prächtige Gründerzeithäuser verfallen, weil niemand da ist, der in ihnen wohnen könnte?
 

Eine solche Stadt braucht offensichtlich Schokolade. Am Rand des Bismarckplatzes im Norden der Wittenberger Innenstadt liegt das Geschäft von Albertje Schaub-Mooi. Es geht hier beschaulich zu, einen Bäcker gibt es, ein Hotel, ein Reisebüro. Das Einrichtungsgeschäft musste vor kurzem aufgeben, jetzt steht der Laden leer, so wie das Eckhaus an der südwestlichen Seite des Platzes, wo alte Plakate für 90er-Discos werben.

 

Süßer Stolz

Tritt man durch die Tür der Chocolaterie Albertje, dann scheint diese Tristesse plötzlich ganz weit weg. Die warme Luft trägt ein süß-herbes Aroma, verspielte Designerlampen hängen an der Decke. Schier endlos lang ist die Vitrine, darin liegen ordentlich aufgeschichtet die Spezialitäten: handgemachte Pralinen mit Eierlikör-, Chili-, Cranberry-, Marc-de-Champagne- oder Rumfüllung, um nur einige zu nennen. Hergestellt werden sie im Produktionsraum, wo die Räder der drei Conchiermaschinen unentwegt die Schokoladenmasse umwälzen. Zwischen den Maschinen und der Vitrine läuft Albertje Schaub-Mooi hin und her. Sie bedient die Kunden, holt das Marzipan aus dem Ofen, und zwischendurch findet sie auch noch Zeit, ihre Geschichte zu erzählen. Nach jedem zweiten Satz bricht sie in helles Gelächter aus, und vermutlich lockt dieses ansteckende Lachen genau so viele Kunden in das Geschäft wie die Pralinen.

Vor sieben Jahren eröffnete die 31-jährige Niederländerin ihr Geschäft. In Belgien hatte sie sich zur Chocolatière ausgebildet. Dass sie sich dann nicht in Amsterdam, Utrecht oder Prenzlauer Berg selbstständig machte, sondern in Wittenberge an der Elbe, das lag an der Liebe. „90 Prozent der Leute haben mir abgeraten“, erzählt sie. Schokolade gebe es doch im Supermarkt. Bei der Sparkasse fand sie eine Sachbearbeiterin, die an ihr Konzept glaubte und ihr einen Kredit gewährte.
 

Das Geld war da, aber würden die Kunden kommen? Sie kamen, und sie kommen bis heute, gerade vor Ostern. Vielleicht wegen des Lachens. Vielleicht, weil es so wenige unvernünftige Dinge gibt in der kargen Prignitz. Albertje Schaub-Mooi hat noch eine Erklärung: „Mir hat eine Kundin gesagt, dass sie das stolz macht, wenn sie jemanden besucht und Schokolade aus Wittenberge mitbringen kann. Dass sie auch was hat in der Provinz.“

Und Wittenberge ist nicht einfach nur Provinz. Wittenberge ist nach der Wende zum Sinnbild der sterbenden Stadt geworden. Auf einen Schlag endete mit der Wiedervereinigung das Industriezeitalter in der Geschichte der Stadt. Die Ölmühle, das riesige Veritas-Nähmaschinenwerk, alle Betriebe, die Wittenberge lange Zeit Wohlstand beschert hatten, mussten schließen. Nur die Bahn behielt ihr Ausbesserungswerk – mit deutlich verringerter Belegschaft. Die Menschen verließen die Stadt. Ganze Straßenzüge sind heute Ruinen. Vereinzelt dienten die maroden Fassaden als Kulisse für Weltkriegsfilme.

Vor einigen Jahren dann leitete der Soziologe Heinz Bude eine Heerschar von Forschern an. Sie untersuchten in Wittenberge, wie Menschen ihr Leben in einer alten Industriestadt neu ordnen, die ihre Bestimmung verloren hat. „Groß war Wittenberge gestern, heute ist nur noch vom Schrumpfen, vom Rückbau und vom Anderswerden die Rede“, schreibt Bude im Vorwort der Studie.

Doch so linear ist die Entwicklung nicht – oder nicht mehr. Die Statistik deutet an, dass Wittenberge die Talsohle hinter sich lässt, dass der Niedergang beendet ist, es ist ja auch nicht mehr viel da, was niedergehen kann. Inzwischen gibt es wieder so viele Zuzüge wie Fortzüge. Die Zahl der Arbeitsplätze steigt. Und es gibt sogar wieder Industrieansiedlungen. Mit großzügigen Fördermitteln des Landes und der EU hat eine österreichische Firma für 40 Millionen Euro eine Dämmstofffabrik errichtet. Am Hafen entstand ein Futtermittelwerk. Auch Feuerlöscher werden neuerdings in Wittenberge produziert.

„Mir ist nicht bange“

Lutz Lange jedenfalls macht sich keine Gedanken über „Rückbau und Anderswerden“. Gerade hat der 50-Jährige ein konkretes Problem: Eine Politikerdelegation ist angekommen, und die Kaffeemaschine ist außer Betrieb. Lange ist Inhaber der „Alten Ölmühle“ im Süden der Stadt, an der Elbe. Noch vor wenigen Jahren war das Backsteinensemble eine Ruine. Heute ist es ein Viersternehotel. Rasch löst Lange das Kaffeeproblem, dann erzählt er von seinem Projekt, im Laufschritt führt der ehemalige Sportlehrer dabei durch die Gebäude.

aktualisiert von Steffen Dahnke, 03.04.2015, 11:40 Uhr
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